Gedichte
Ich weiß
Ich weiß, daß ich bald sterben muß
Es leuchten doch alle Bäume
Nach langersehntem Julikuß -
Fahl werden meine Träume -
Nie dichtete ich einen trüberen
Schluß
In den Büchern meiner Reime.
Eine Blume brichst du mir zum Gruß
Ich liebte sie schon im Keime.
Doch ich weiß, daß ich bald sterben
muß.
Mein Odem schwebt über Gottes
Fluß -
Ich setze leise meinen Fuß
Auf den Pfad zum ewigen Heime.
Else Lasker-Schüler (1943)
Und es unmöglich glaubte
Je wieder den Blick zu drehn,
Um Sonn' und Mond zu sehn.
Da hatt' auf meinen Wegen
Pfützen geweint der Regen,
Und im Vorüber gehn
Hab' ich darein gesehn.
Da spiegelten sich Mond und
Sonne
wie im reinsten Bronne,
Und ohne das Haupt zu drehen,
Hab' ich sie doch gesehn.
Friedrich Rückert
(zweifach verwaister Vater, Tochter 3 und Sohn 5 Jahre)
Was kann man mehr von Menschen
sagen?
Ihr habt am Baum nicht Frucht
getragen,
Und seid als Blüten früh entschwebt,
Doch lieblich klagen
Die Lüfte, die zu Grab euch tragen:
Ihr habet nicht umsonst gelebt.
In unser Leben tief verwebt,
Hat Wurzeln euer Tod geschlagen
Von süßem Lied und Wohlbehagen
Ins Herz, aus dem ihr euch erhebt
In Frühlingstagen
Als Blütenwald von Liebesklagen,
Ihr habet nicht umsonst gelebt.
O die ihr sanften Schmerz uns gebt
Statt eure an der Brust zu tragen,
Euch werden fremden Herzen
schlagen
Von Menschenmitgefühl durchlebt
Bei unsern Klagen,
Was kann man mehr von Menschen
sagen?
Ihr habet nicht umsonst gelebt!
Friedrich Rückert
(zweifach verwaister Vater, Tochter 3 und Sohn 5 Jahre)
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich tod-entlang
und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur.
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.
(Gedicht von Mascha Kaléko) durch Ingrid Olofsson
Es stand ein Sternlein am Himmel,
Ein Sternlein guter Art;
Das tät so lieblich scheinen,
So lieblich und so zart!
Ich wußte eine Stelle
Am Himmel, wo es stand;
Tat abends vor die Schwelle,
Und suchte, bis ich's fand;
Und blieb denn lange stehen,
Hatte große Freud in mir;
Das Sternlein anzusehen;
Und dankte Gott dafür.
Das Sternlein ist verschwunden;
Ich suche hin und her
Wo ich es sonst gefunden,
Und find es nun nicht mehr .
Matthias Claudius
(zweifach verwaister Vater, Sohn 0 und Tochter 21 Jahre)
Der Name meines Kindes
Mag Tränen in mein Augen bringen
Aber es wird immer auch
Musik in meine Ohren bringen.
Wenn Du wirklich mein Freund bist
Lass mich die wunderschöne Musik ihres Namen hören.
Er tröstet mein gebrochenes Herz
Und singt zu meiner Seele
Unbekannt
Je schöner und voller die Erinnerung,
desto schwerer ist die Trennung.
Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual
der Erinnerung in eine stille Freude.
Man trägt das vergangene Schöne nicht
wie ein Stachel, sondern wie ein kostbares
Geschenk an sich.
Dietrich Bonhoeffer
Niemals geht man so ganz,
irgend was von dir bleibt hier.
Trauernd steh’ ich oft verloren
oft an deinem stillen Grab,
niemand kann mir wiedergeben,
was ich hier verloren hab’.
Wolfgang Niedecken
Nun bist du schon gegangen, Kind,
und hast vom Leben nichts erfahren.
Indes in unseren welken Jahren,
wir Alten noch gefangen sind.
Ein Atemzug, ein Augenspiel,
der Erde Luft und Licht zu schmecken,
war Dir genug und schon zuviel;
Du schliefest ein, nicht mehr zu wecken.
Vielleicht in diesem Hauch und Blick,
sind alle Spiele, alle Mienen,
des ganzen Lebens dir erschienen,
erschrocken zogst du dich zurück.
Vielleicht, wenn unsere Augen, Kind,
einmal erlöschen, wird uns erscheinen,
sie hätten von der Erde, Kind,
nicht mehr gesehen als die deinen.
Hermann Hesse
Ich wünsche Dir,
dass Du Menschen begegnest,
die ihr Leid zulassen können,
ohne sich aufzugeben.
Du wirst spüren, welch große Kraft
von ihnen ausgeht.
Sie sind es,
die die Hoffnung stärken,
dass Schweres tragbar werden kann.
Ich wünsche Dir,
dass etwas von ihrem Mut auf
Dich übergehe
und Du das Leben
wieder liebhaben kannst.
Sabine Naegeli
Beim Aufgang der Sonne
und bei ihrem Untergang
erinnern wir uns an sie;
Beim Wehen des Windes
und in der Kälte des Winters
erinnern wir uns an sie;
Beim Öffnen der Knospen
und in der Wärme des Sommers
erinnern wir uns an sie;
Beim Rauschen der Blätter
und in der Schönheit des Herbstes
erinnern wir uns an sie;
Zu Beginn des Jahres
und wenn das Jahr zu Ende geht
erinnern wir uns an sie;
Wenn wir müde sind
und Kraft brauchen
erinnern wir uns an sie;
Wenn wir verloren sind
und krank in unserem Herzen
erinnern wir uns an sie;
Wenn wir Freude erleben,
die wir so gerne teilen würden,
erinnern wir und an sie;
Solange wir leben, werden auch sie leben,
denn sie sind nun ein Teil von uns,
wenn wir uns an sie erinnern.
aus „Toren des Gebets“ – reform. jüdisches Gebetbuch
